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Der Autor versichert, dass die auf ArtisteyeLive geposteten Texte nicht autobiographisch zu sehen sind und es sich um erfundene Geschichten und Begebenheiten handelt.

Dienstag, 15. November 2011

Die Luft war kalt und scharf wie Rasierklingen. Ich fuhr mit dem Fahrrad auf Arbeit. Lieber hätte ich beim Arzt meines Vertrauens gesessen und mich krankschreiben lassen, aber den besaß ich nicht. Durch die Klingen, die ich einatmete, spürte ich nicht viel vom Rauch meiner Fluppe, dessen brennendes Ende vom Fahrtwind getrieben, den Fingern immer näher kam. Am vorherigen Tag liefen nur die Überlebenden einer Katastrophe auf der Straße. Eine Handvoll armer Überlebender auf der Suche nach Futter. Und dann, am nächsten Tag, musste ich mich durch die Massen drängen. Nur Gott weiß, wo die den Tag zuvor gewesen waren. Auf Arbeit angekommen, stieß man mir eine Bowling-Kugel an den Kopf.
"Na, bist du nicht aus dem Bett gekommen", sagte Gröj, der vorm Rechner saß und sein Brötchen fraß und wie jeden Tag eine Krümelspur hinterließ. Ich war vorbereitet. Im Kopf spielte ich die Szenen und Sätze durch, die ich ihm sagen würde. Und als es soweit war, stand ich nur da und hatte alles vergessen. Also sagte ich: "Ja, wurde gestern etwas spät. Hab eh nichts zutun!"
"Wie meinste das", fragte er und spannte über die Monitorkante, wie ich mich auszog.
"Gott", dachte ich, "ist der schwer von Begriff", und sagte, dass ich ins Leere laufe, dass man mich vor etwas setzt und ich ohne Infos daraus was machen soll. Ich sagte: "Gröj, ich bin nicht Jesus, ich kann aus Wasser kein Wein und aus Scheiße kein Gold machen." Ich sah ihn an, mein Herz klopfte. Kurz dachte ich darüber nach: "Ob, man das sieht?" Doch es schien mein voller Ernst zu sein. Ich sagte: "Lass uns gleich darüber reden, vorher mache ich mir aber einen Kaffee."
"Okay."
Jemand kochte Kaffee, ich dankte ihm und ging zurück zu Gröj. "Fresssack"!!!
"Wollen wir in der Küche reden", fragte ich.
"Nein, das können wir hier machen."
Das war ein Angebot von mir, denn ich wollte ihn nicht vor den Eklis zur Schnecke machen.
"Na gut", sagte ich und schlürfte meinen Kaffee. "Das Problem ist einfach, dass ich ins Leere laufe. Das war mit dem Flyer so und geht mit dem Text für die Internetseite weiter. Es wäre etwas anderes, wäre nicht schon alles so geschmacklos. Ihr setzt mich vor einen Haufen Scheiße und gebt mir den Auftrag, das Kartenhaus weiterzubauen? Verstehst du?" Er hat mich die ganze Zeit angeschaut, hat mir zugehört, das fand ich gut. Und Gröj sagte: "Aber es sollte dir klar sein, das ist eine Probearbeit für dich."
"Ja, weiß ich."
"Das heißt: Wir müssen erst einmal sehen, was du kannst, in welchen Produktionsbereich du dich am besten machst. Ein Kennlernprozess, okay?
"Hm, aber das ist die dritte Woche. Wie lange dauert so ein Kennlernprozess denn? Zwei Monate?
"Nein, das dauert nicht so lange, aber bisher war es noch nicht ganz klar ... "
"Was war nicht klar? Acht Stunden am Tag, vierzig in der Woche. Vielleicht: zwei Stunden produktives Arbeiten und der Rest ist planloses Dahinvegetieren. Ich meine, es ist nicht schwer mich zu überfordern, aber zu unterfordern? Das hätte mir einer vor zwei Wochen sagen sollen, den hätte ich ausgelacht."
"Ehr glaube ich, dass du überfordert bist. Fängst eine Sache an und beendest sie nicht." Ich blicke zur Tastatur. "Ja, mag sein, stimmt schon."
"Das, was du hier bisher gemacht hast, das war gut. Es mangelt dir an Wissen, was die Programme betrifft, aber das ist kein Problem. Das kann ich dir beibringen. Es muss nicht immer alles neu und anders sein. Auf erster Linie sollte es gut sein."
"Und überforderte Kunden sind gut?"
"Wieso überfordert?"
"Der Flyer, den du gemacht hast! Das ist nicht gut und nicht einfach, der ist schlecht. Und vor allem peinlich. Da setze ich meinen Namen darunter und alle Welt lacht mich aus. Oder was?"
"Warum sollte man dich auslachen?"
"Mein Flyer, meine Schande. Dein Flyer, deine Schande. Mit einer schlechten Vorlage kann keiner was anfangen. Zumindest nicht, wenn der Typ, der die Vorlage bot, hinter einem steht und dir seine Vorstellung aufdrückt."