Auf der Treppe fiel mir ein zusammengefaltetes Papier auf, ich zögerte nicht eine Sekunde, hob es auf, analysierte es in der Geschwindigkeit eines Hochleistungsprozessors und steckte es in meine Jackentasche. Gott, ich fand noch nie einen Schein, vielleicht ein paar Cents zwischen Bezügen gequetscht, die aus den Taschen ihrer Besitzer fielen, aber noch nie einen Schein. Ich rechnete mir kurz vor diesem Fund meinen Kontostand aus. Ich hatte noch kein Online-Banking und musste mir so den Weg zur Sparkasse machen, aber dazu hatte ich eigentlich nie wirklich Lust. Diese fünf Euro, dachte ich, sind fünf mehr als sonst. Ich schnappte mir eine Niedrig-Preis-Tüte, die auf dem Boden zwischen anderen lag und ging gleich darauf in die Kaufhalle, musste dann nur leider feststellen, dass ich so gut wie alles hatte. Auf Kaffee und Sahne hätte ich verzichten können und mein Deo lag ja auch irgendwo in meiner Bude rum, also was mach ich hier, dachte ich. Ich lief eine Weile umher, schaute in verschiedene Zeitschriften, las mir die Innhaltsstoffe von Hundefutter durch, schaute nach allem in meiner Preisklasseliegendem und entschied mich schlussendlich für zwei Sternburger, eine zuckerfreie Coca Cola, Granulatkaffee und einer Packung Milchpulver. Fünf Euro sollten dafür eigentlich reichen, dachte ich, aber nachzählen wollte ich nicht extra, da ich schon an der Kasse stand. Natürlich reichte es, vier Euro und ein paar Zerquetschte zahlte ich. Dann lief ich mit meiner Niedrig-Preis-Tüte nach Hause.
Diese ganze „lege deinen Penis vor der Lehrerin auf den Tisch Geschichte“ erinnerte mich an einen Freund. Es war so einer dieser letzten warmen Sommertage. Die Luft ein wenig kühl, das Sonnenuntergangsrot zeigte sich immer früher, aber bot ein jedem, der es sah, ein warmes Gefühl, wie zu Weihnachten Plätzchen, Tannenbäume, Schokolade oder ein Spaziergang über den Weihnachtsmarkt mit einer Tasse Glühwein vermochte, die Eiseskälte durch die Wärme von innen zu vergessen. An solch einen Tag bin ich also mit meinem Fahrrad zu einem Freund gefahren, der in einem Außenbezirk der Stadt wohnte. Wir hatten uns schon vor einer ganzen Weile ausgemacht, einen Tag etwas zusammen zu unternehmen, bei uns hieß das, vor der Konsole zu hocken, Bier zu trinken, viel zu rauchen. Seine Freundin war zu dieser Zeit im 5. oder 6. Monat und sie hatte schon ein ordentliches Bäuchlein. Sie sah uns gerne beim Blödeln zu, brachte sich in sinnlose Themen mit ein, spielte auf Mutti und machte uns leckere Tintenfischringe, für mich mit extra Ketchup. Ihre Anwesenheit war alles andere als störend. Daniel, so heißt mein Freund, und ich sind nicht die typischen Klischeetypen, die mit Frau keinen Spaß haben können. Ja, vielleicht wären wir es, aber nicht bei ihr, seiner Frau. Wenn sie nicht zwei Möbse auf ihrem Bauch balancieren könnte, während sie unserem Männergeschwätz lauscht und uns nebenbei noch mit Futter und Bier versorgen könnte, wäre sie wie alle andern Frauen und würde durch den Überschuss von Testosteron im Zimmer völlig ausrasten. Sie aber nicht, sie blieb ganz ruhig, lächelte und bediente uns. Der Tag wurde zur Nacht, der Mittag zum Abend. Daniel und mir kam es vor, als hätten sich die Tintenfischringe zusammengetan und würden unsere Speiseröhre hinaufklettern. Dazu kam das ständig Aufstoßen, welches durch die zahlreichen Schluckis hervorgerufen wurde. Uns war nicht gut, deshalb machten wir eine Pause. Wir setzten uns auf die Couch, so wie sich Männer ab einer bestimmten Menge Alkohol und Essen halt setzten und taten nichts, was für uns nun nicht wirklich problematisch war, da wir in diesen Bereich der Physik wahre Meister sind.
Kleiner Mann
Ich sollte mich an diesen Abend wieder einmal ärgern, über mich, über die Menschen, über alles.
Ich schlief aus, so weit man es ausschlafen nennen kann. Ich frag mich, was meine Generation darunter versteht und was die vorherige?
Ich saß ewig vor meinem Rechner, schaute Filme, wichste und versuchte, Kontakt zu wen auch immer aufzunehmen; ich versuchte es bei jedem. Irgendwann schaffte ich es Zottel ans Telefon zu bekommen.
Ich hänge zu oft mit ihm zusammen, mir wird inzwischen schlecht, wenn ich an ihn denke.
Ich fragte ihn, ob er zu mir einen Kaffee trinken kommt und wir danach – es war schön, die Sonne schien – mal zur Beisnitz laufen, um nach dem Hochwasser schauen. Eine Stunde später klingelte es an meiner Tür.
Meine Hände rochen nach meinen Eiern, die ich bis zu seinem Erscheinen massierte, während ich „Icy Tower“ spielte und einen Film schaute.
Ich ließ ihn rein, machte die Wohnungstür auf und setzte mich wieder auf meinen Platz vorm Rechner. Er kam rein, reichte mir die Hand und schloss hinter sich die Tür.
Wir verbrachten eine ganze Weile damit, einen neuen Icy-Tower-Rekord aufzustellen. Was wir noch machen wollten, hatte keiner vergessen: Kaffee trinken und Spazieren gehen, doch wir verloren uns in wesentlich sinnlosere Dinge, wie z. B. diesem kleinen Mann auf dem Monitor zu beobachten, wie er von Stufe zu Stufe springt und durch eine Combo mehrere mit einmal nahm. Ich musste mich noch duschen, wenigstens die Axeln und den Sack. Mein Körpergeruch litt unter meinem Schlafmangel, der mich die Woche immer zu verschlafen ließ.
Wenn man im früh eine Stunde zu spät aufwacht und denkt, das kann es ja wohl nicht sein, bleibt einem kaum noch genug Zeit, um sich für den Arbeitgeber eine Ausrede einfallen zulassen. Wann soll man sich da noch Waschen?
Wir sind noch nicht weit gekommen, aber schon zu weit entfernt und zu faul, vergessene Dinge nachzuholen. Meine Handschuhe lagen noch im Bad oder auf dem Schreibtisch oder Gott weiß, wo die lagen. Zottel zog, während ich über mich selbst schimpfte, mein Fernglas aus seiner Jackentasche. Einfach so, nicht einmal die Tasche für das Ding hatte er mitgenommen. Es war nicht mal meins, sondern das meines Vaters, der es mir hat großzügig ausgeliehen, damit ich sehe, ob es sich lohnen würde, ein eigenes zu kaufen. Dieser Arsch hat es einfach mitgenommen, ganz bewusst. Er dachte wohl, ich würde nein sagen, wenn er fragt. Also hat er mich hinterrücks ausgetrickst. Ich hätte mir das Ding schnappen sollen und es nach Hause bringen sollen. Ich fand es mies.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen